Modul 3 – Im Dickicht der Disziplinen – Studiengänge und Studienfächer

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Modul 3 – Im Dickicht der Disziplinen – Studiengänge und Studienfächer 2017-09-27T04:33:56+00:00

Unterschiede zwischen den Disziplinen

Deutschland und Frankreich haben sich nicht nur im Hinblick auf das Hochschulsystem im Laufe der Geschichte unterschiedlich entwickelt. Auch das heutige Studienangebot auf beiden Seiten des Rheins ist von jeweils spezifischen historischen Entwicklungen im Bildungswesen gekennzeichnet. Die gegenwärtigen Studienmöglichkeiten weisen dabei kulturelle Spezifika auf, die von der grundlegenden Benennung und Einteilung der wissenschaftlichen Disziplinen über den gesellschaftlichen Prestigewert und Status bestimmter Studienfächer bis hin zur Fächerwahl und -kombination durch die Studierenden reichen. So ist die französische Bezeichnung Sciences keineswegs ohne Weiteres mit Wissenschaft zu übersetzen, die Politikwissenschaft gehört in Deutschland zu den Sozialwissenschaften, während sie in Frankreich einen gesonderten Platz einnimmt; und ohne concours kann man in Frankreich nicht verbeamteter Lehrer werden.

Modul 3 wird Sie deshalb mit den wesentlichen Unterschieden, aber auch Gemeinsamkeiten vertraut machen, die die Studienfächer und Studiengänge sowie die dazugehörigen Abschlüsse betreffen. Nach der Bearbeitung von Modul 3 können Sie

  • die Wissensorganisation und -aufteilung im Hochschulbereich der beiden Länder differenziert beurteilen und erläutern
  • die wesentlichen Studienfächer und wissenschaftlichen Disziplinen sowie deren Einteilung benennen und wiedergebe
  • Unterschiede und Gemeinsamkeiten bezüglich der Studienabschlüsse identifizieren und schildern.

Wissensorganisation in Deutschland und Frankreich

Bei der Strukturierung des Wissens und der Einteilung in verschiedene Wissensbereiche spielt die mittelalterliche Organisation der Universitäten in Fakultäten,  die eine Gruppe zusammengehörender Wissenschaften umfasste (Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie), eine prägende Rolle. Die heutige  Institutionalisierung der verschiedenen Wissenschafts- und Wissensgebiete ist entscheidend von dieser Kanonisierung geprägt und öffnete sich erst im 19. und 20. Jahrhundert, als neue Wissenschaftszweige entstanden bzw. bestehende Disziplinen sich weiter ausdifferenzierten.

In Frankreich wurde die Einteilung in facultés im Zuge der 1968er Bewegung abgeschafft und durch sogenannte Unités d’Enseignement et de Recherche (UER), heute Unités de Formation et de Recherche (UFR), ersetzt. Und auch in Deutschland wurden gegen Ende der 1960er Jahre die Fakultäten durch Fachbereiche ersetzt, die weniger Fächer umfassten. Heute ist es in deutschen Hochschulen jedoch wieder üblich die verschiedenen Fächergruppen in Fakultäten zusammenzuführen, weshalb an vielen Universitäten in Deutschland sowohl Fakultäten als auch Fachbereiche existieren, die unterschiedliche Organisationsebenen darstellen.

Aufgabe

Fakultäten in Deutschland und Unités de Formation et de Recherche in Frankreich

Wie sie bereits in Modul 1 und im vorangegangenen Text gelernt haben, geht die Unterteilung der Universitäten in Fakultäten bzw. Fachrichtungen, respektive in Unités de Formation et de Recherche (UFR), auf diverse historische Entwicklungen zurück, welche die Gliederung der Universitäten in Wissensbereiche bis heute geprägt haben. Klicken Sie nun nachfolgend auf die beiden Links und verinnerlichen Sie die Gliederung der Universität des Saarlandes in Fakultäten und Fachrichtungen sowie die administrative Gliederung und Unterteilung in Wissensbereiche an der Université de Lorraine. Erkennen Sie die traditionelle Unterteilung in die vier Wissensbereiche wieder oder weicht sie davon ab? Entsprechen die französischen UFRs den deutschen Fakultäten in Bezug auf die Zuordnung der verschiedenen Disziplinen und Fächergruppen? Wenn Sie glauben, die Antwort gefunden zu haben, klicken Sie auf das Lösungsfeld.

Lösung

Links:

Fakultäten an der Universität des Saarlandes
UFR an der Université de Lorraine

Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften

– Wissenschaftliche Disziplinen und Fächer in Deutschland

In Deutschland unterscheidet man im Wesentlichen zwischen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Alle Studienfächer lassen sich – sieht man von interdisziplinär ausgerichteten Studiengängen, die Inhalte mehrere Fächer vereinen, einmal ab – der einen oder anderen Fächergruppe zuordnen. Diese  Unterteilung der Fächer macht bereits deutlich, dass der Begriff Wissenschaft für alle akademischen Disziplinen gleichermaßen verwendet wird.

Bis zum 19. Jahrhundert standen sich in erster Linie Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften gegenüber. Am Rande dieser Wissensbereiche, das heißt an der Trennlinie zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, entstanden in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Sozialwissenschaften, was zu einer Dreiteilung der ursprünglichen Wissensgebiete führte.
Seit kurzem sind auch die Humanwissenschaften dazugekommen, die Fächer wie Medizin, Psychologie und Verhaltenswissenschaften umfassen.
Auch die Kulturwissenschaft stellt ein noch junges Forschungsgebiet dar, das helfen soll, die bisherige, stellenweise scharf gezogene Trennung insbesondere zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften zu überwinden.

Der deutschen Gegenüberstellung von Geistes- und Naturwissenschaften entspricht in Frankreich ungefähr die Unterteilung in Lettres und Sciences sowie dem  Gegensatz zwischen Humanities und Sciences in den USA.
Als „typisch deutsch“ könnte man auch die zahlreichen Studiengänge im Bereich der Geisteswissenschaften bezeichnen, die eine Kombination verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen vorsieht, z.B. im Rahmen eines Zwei-Fach-Bachelors.

Studienabschlüsse in Deutschland

Ein dreistufiges Modell

Vor der Einführung des Bachelor-/Master-Systems gliederte sich das Studium in den bis dato existierenden Diplom-, Magister- und Lehramtstudiengängen in ein Grund- und Haupstudium.
Mittlerweile stellen die traditionellen Abschlussarten, abgesehen vom Staatsexamen, Auslaufmodelle dar. Seit Einführung der Bachelor-/Master-Studiengänge gliedert sich ein Hochschulstudium in Deutschland in ein dreistufiges Modell, bestehend aus Bachelor-Master-Promotion, wodurch auch die alte Einteilung in Grund- und Hauptstudium wegfällt.

Sciences et Lettres:

Wissenschaftsdisziplinen in Frankreich

Anders als in Deutschland bezeichnet der Begriff Sciences zunächst nur die Naturwissenschaften, also die Sciences de la nature.

Die Verwendung des Begriffs Sciences zur Bezeichnung der Naturwissenschaften, also wörtlich übersetzt ‚Wissenschaften’, unterstreicht die Bedeutung dieser Disziplinen. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich in Frankreich die weitere Unterteilung der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften in  Lettres, Sciences humaines und Sciences sociales etabliert.

Die Abgrenzung zwischen diesen drei disziplinären Ausrichtungen ist aber nicht so klar wie bei der deutschen Unterteilung in Geistes-, Sozial- und  Naturwissenschaften. Die traditionelle Dichotomie zwischen Sciences und Lettres wird dadurch nicht aufgehoben. So werden die Begriffe Sciences humaines und  Sciences sociales stellenweise auch als Synonyme verwendet und das Fach Geschichte zählt Beispielsweise gleichermaßen zu den Lettres, den Sciences humaines und den Sciences sociales.
Eine Ausnahme bildet in Frankreich die Politikwissenschaft, die Sciences politiques. Sie gehört streng genommen zu keiner der oben genannten Fächergruppen  und wird in Frankreich vor allem an den Instituts d’Études Politiques (I.E.P) studiert. Auch das Fach Jura – traditionell eine Domäne der Universitäten – lässt sich in Frankreich nicht ohne weiteres einer spezifischen Fächergruppe zuordnen.

Eine Neuerung, die sich mit dem Bologna-Prozess ergeben hat, ist die Möglichkeit zwei Fächer vor allem im Rahmen der licence zu kombinieren. Abgesehen von  wenigen grundsätzlich interdisziplinär ausgerichteten Studiengängen war dies in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland bisher nicht üblich.

Studienabschlüsse in Frankreich

Ein dreistufiges Modell

Auch in Frankreich hat sich seit des Bologna-Prozesses ein dreistufiges Modell etabliert: Licence-Master-Doctorat (LMD).

Studienmöglichkeiten in Deutschland und Frankreich

Deutsche Studiengänge und -fächer haben in Frankreich nicht immer ein exaktes Äquivalent, das sich mit einer simplen Übersetzung fassen ließe. Vielmehr  unterscheiden sich die Studienangebote nach Inhalten und dem Hochschultyp, an dem sie absolviert werden können. Sucht man z. B. eine Entsprechung des  deutschen Romanistik-Studiums, das sowohl französische Literatur- als auch Sprachwissenschaft beinhaltet, findet man in Frankreich am ehesten eine  Entsprechung im Fachbereich Lettres, auch wenn hier im Unterschied zum deutschen Pendant entweder Literatur- oder Sprachwissenschaft – und nicht beides parallel – studiert werden kann.

Die deutsche Bezeichnung Sprachwissenschaft findet ihr französisches Äquivalent am ehesten in den Sciences du Langage – Linguistique. Einige Fächer wie Übersetzen/Dolmetschen haben in Frankreich direktere Pendants wie Traduction/Interprétariat. Andere Fächer wie z. B. der französische Studiengang Langues, Littératures et Civilisations Étrangères (LLCE) setzt sich aus Bereichen zusammen, die sich auf Deutsch mit Sprachen, Literatur und Landeskunde fassen ließen,  ohne, dass es einen Studiengang in Deutschland gäbe, der einen solchen Titel trüge.

Um ausführlichere Informationen über die verschiedenen Studienangebote in allen Fachgebieten zu erhalten, klicken Sie bitte auf die nachfolgenden Links, der Sie  zur nationalen Agentur für die Förderung des französischen Hochschulwesens im Ausland, die Betreuung von Studierenden und die internationale Mobilität  führt.

Deutschland:
https://www.daad.de/deutschland/studienangebote/studiengang/de/?a=result&q=&degree=&courselanguage=&locations=&admissionsemester=&sort=name&page=1

Frankreich:
http://www.campusfrance.org/fr/page/trouver-saformation-0

Aufgabe:

Studienfächer und Wissensgebiete in Deutschland und Frankreich

Sie haben das Modul bis hierhin erfolgreich durchgearbeitet? Dann können Sie nun mit Hilfe der nachfolgenden Aufgabe überprüfen, inwiefern Sie in der Lage  sind, Deutschland und Frankreich im Hinblick auf Studienfächer und Wissensgebiete differenziert zu beurteilen. Versuchen Sie nun den nachfolgenden Text zu vervollständigen, indem sie den korrekten Begriff in die entsprechende Leerstelle einfügen:

Jean-Luc Martin aus Metz ist französischer Austauschstudent an der Universität des Saarlandes. Er studiert in Frankreich Lettres modernes und möchte in Saarbrücken Kurse in der Romanistik belegen. Heute, an seinem ersten Tag, hat Jean-Luc gleich eine Sprechstunde bei Professor Dr. h. c. Germanicus. Der Student und der Hochschulprofessor beginnen dabei eine interessante Diskussion über die deutschen und französischen Hochschuleigenheiten. Verfolgen Sie ihr Gespräch und ergänzen Sie!

Wissen Sie, Herr Martin, bei uns in Deutschland ist das so: Zunächst teilen sich die wissenschaftlichen Disziplinen in auf. Ich glaube, sie kennen das in Frankreich nicht so. Bei Ihnen dominiert ja die Einteilung in Sciences und Lettres.

Ah, wie ich Frankreich liebe: Wein, Baguette, Paris. Aber zurück zu Ihren Fragen. Jedenfalls entsprechen unsere Naturwissenschaften ungefähr Ihren und die Geisteswissenschaften ja eher den Lettres in Frankreich.

Ja, Ja, Literatur, Philosophie, Sprachen, kurzum die Lettres. Ich liebe das Schöngeistige. Leider habe ich manchmal das Gefühl in Frankreich wird man mit Blick auf die Wissenschaftlichkeit dieser Disziplinen nicht so ernst genommen.
Ich meine, neben diesen drei Disziplinen gibt es ja noch die Sozialwissenschaften und Jura, was man alles zusammen bei uns in Frankreich unter dem größeren Begriff der zusammenfasst. Ich denke, besonders mit Blick auf Deutschland, haben z.B. die Sozialwissenschaften bereits Ende des 19. Jahrhunderts Wichtiges geleistet und eine eigene Stellung errungen. Übrigens ich liebe ja die deutschen Schlösser. Können Sie mir da eines besonders empfehlen?

Besuchen Sie doch mal das Schloss Neuschwanstein. Soll sehr schön sein dort. Äh, wo waren wir? Ach ja. Sie haben Recht, in Deutschland haben sich die ja frühzeitig von den Geistes-und Naturwissenschaften abgespalten. Sie haben doch auch den Begriff Sciences sociales in Frankreich, oder?

Ja, aber bei uns wird erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die Stellung der Sciences sociales, oder der , ein Begriff, den wir oft als Synonym verwenden, in den Wissenschaften diskutiert. Man könnte das vielleicht mit dem deutschen Begriff Humanwissenschaften übersetzen.

Nein, auf keinen Fall, Herr Martin, die Humanwissenschaften sind als Begriff viel jüngeren Datums und umfassen Fächer wie z.B. Medizin und Psychologie. Das ist wie mit den , für die Sie in Frankreich keine Entsprechung haben, zumindest nicht als eigenständiges Fach. Man könnte sie mit Études culturelles übersetzen. Hier an der Universität gibt es übrigens einen sehr interessanten Studiengang dazu, der zudem den Bereich der Interkulturellen Kommunikation abdeckt. Die Kulturwissenschaften lassen sich auch nicht eindeutig den Geistes- oder Sozialwissenschaften zuordnen.
Sie stellen eine Brücke dar. So beinhalten solche Studiengänge auch z.B. politische Themenbereiche. Ah, das bringt mich wieder ins Schwärmen, das politische Frankreich, Erfinder der Menschenrechte: Liberté, Égalité, Fraternité – Vive la France!

Ja aber Moment! Die Politikwissenschaften, die bei uns heißen, haben in Frankreich einen besonders hohen Status und können weder den Lettres noch den Sciences zugerechnet werden.

Aha, aber die Geschichte gehört in Frankreich aber doch auch zu den , oder etwa nicht?

Ja, in der Tat. Die Geschichte ist aber auch Teil der Sciences humaines und gehört auch zu den . Das sind halt kulturelle Unterschiede im Bereich der Wissensaufteilung. Bei uns verläuft allgemein die Grenze zwischen Lettres, Sciences humaines und Sciences sociales nicht so scharf.

Aha, das wusste ich ja gar nicht. Wie interessant. Auch ich kann in meinem Alter noch dazulernen. Sie haben ja noch keinen Master, wie Sie sagten, dann studieren Sie ja sicher auf , oder Herr Martin?

Ähm, jein, in Frankreich mache ich meine , ein französisches Diplom. Der Abschluss entspricht aber dem deutschen Bachelor.

Ja, alles sehr interessant diese Unterschiede bezüglich der beiden Hochschulsysteme. Leider muss ich jetzt zu einer Sitzung. Ich wünsche Ihnen aber alles Gute für Ihren Aufenthalt und sollten Sie weitere Fragen haben, können Sie jederzeit zu mir kommen.

Vielen Dank! Ich freue mich schon sehr auf meinen Aufenthalt hier in Deutschland.

Unterschiede zwischen den Disziplinen

In Modul 3 haben Sie gelernt,

  • die Wissensorganisation und -aufteilung im Hochschulbereich der beiden Länder differenziert zu beurteilen und zu erläutern,

  • die wesentlichen Studienfächer und wissenschaftlichen Disziplinen sowie deren Einteilung zu benennen und wieder zu geben,

  • Unterschiede und Gemeinsamkeiten bezüglich der Studienabschlüsse zu identifizieren und zu schildern.

Im nun folgenden Modul 4 lernen Sie die verschiedenen Arten von Lehrveranstaltungen mit ihren typischen Interaktions- und Kommunikationsformen in Deutschland und Frankreich kennen und erfahren etwas über interkulturelle Unterschiede in diesem wichtigen  Bereich eines Auslandsstudiums.